Follow-Up: Taiwan-Gutachten
Chinas hybride Kriegsführung und Taiwans Eskalationsrisiko bis 2035
Die Frage, ob China Taiwan mit militärischer Gewalt annektieren wird, hat sich von einem hypothetischen Szenario zu einer der drängendsten sicherheitspolitischen Fragen unserer Zeit entwickelt. Peking führt bereits einen umfassenden hybriden Krieg gegen Taiwan – mit Desinformation, Spionage, wirtschaftlichem Druck und kognitiver Kriegsführung. Die Wahrscheinlichkeit einer bewaffneten Eskalation liegt laut Vorhersagemärkten bei 13-22% bis 2027 und 33-43% bis 2030. Xi Jinpings persönliche Vermächtnisinteressen, Chinas demografischer Niedergang und der unaufhaltsame Identitätswandel Taiwans erzeugen ein sich schließendes Zeitfenster, während die sino-russische Militärkoordination und die Unsicherheiten der US-Außenpolitik die Abschreckungskalkulationen verkomplizieren.
Pekings systematische Unterwanderung der taiwanesischen Demokratie
China betreibt die umfassendste Einflussnahme-Operation gegen eine Demokratie weltweit. Das Zentralkomitee unter Wang Huning – dem vierthöchsten Parteifunktionär – koordinierte im Dezember 2023 persönlich eine Strategiesitzung mit dem Ministerium für Staatssicherheit und der Einheitsfrontabteilung (UFWD), um die taiwanesischen Präsidentschaftswahlen im Januar 2024 zu beeinflussen. Taiwans Justizministerium ermittelte in 77 Fällen gegen 157 Personen wegen Wahlmanipulation.
Die Dimensionen sind bemerkenswert: Taiwans Nationaler Sicherheitsdienst identifizierte über 45.000 gefälschte Social-Media-Konten und 2,3 Millionen Desinformationsbeiträge allein im Jahr 2024. Die Operation wird von chinesischen Staatsunternehmen durchgeführt – darunter China North Industries Corporation für KI-gestützte Desinformationsmodelle und das Dragonbridge-Netzwerk, das in über 20 Sprachen auf 180 Plattformen operiert.
Kognitive Kriegsführung erreicht neue Dimension
Die PLA-nahe Firma GoLaxy Co nutzt generative KI zur Analyse personenbezogener Daten von 5.000 Taiwanesen, um psychologische Profile zu erstellen – einschließlich politischer Neigungen, Wertvorstellungen und religiöser Überzeugungen. Deepfakes, die DPP-Politiker bei angeblicher Korruption zeigen oder gefälschte Privatgespräche zwischen Präsident Lai und Vizepräsidentin Hsiao simulieren, zirkulieren regelmäßig auf taiwanesischen Plattformen.
Der Want Want China Times Media-Konzern – dessen Eigentümer Tsai Eng-meng 47 Millionen USD an chinesischen Staatssubventionen erhielt – empfängt nach Recherchen der Financial Times tägliche Anrufe vom Taiwan Affairs Office mit Anweisungen zur Berichterstattung. Ehemalige Redakteure berichteten von Drohungen durch TAO-Beamte.
Spionage und Bestechung des Militärs
Im August 2024 deckte Taiwan einen zehnköpfigen Spionagering auf, der sieben aktive und drei ehemalige Militärangehörige rekrutiert hatte. Oberstleutnant Hsieh Meng-shu plante, mit einem CH-47 Chinook-Helikopter auf einen chinesischen Flugzeugträger überzulaufen – für versprochene 15 Millionen USD. Die Zahlungen erfolgten über Kryptowährungen und verschlüsselte Telegram-Nachrichten.
Pekings neueste Taktik zielt auf junge Politiker parteiübergreifend statt ausschließlich auf Militärangehörige. Im Januar 2026 wurde der Präsident der UFWD-nahen „Guangzhou Taiwan Youth Home" angeklagt, weil er pensionierte Regierungsbeamte rekrutierte. Die geschätzten 5.000 chinesischen Spione in Taiwan operieren durch ein Netzwerk aus Tempeln, Geschäftsverbänden und Medienunternehmen.
Das geopolitische Dreieck destabilisiert die Abschreckung
Die sino-russische Militärkoordination hat 2024 ein beispielloses Niveau erreicht. Beide Länder führten 11 gemeinsame Übungen durch – mehr als in jedem anderen Jahr. Im Juli 2024 flogen erstmals chinesische und russische Bomber gemeinsam in die US-amerikanische Alaska-ADIZ ein; im Oktober folgte die erste gemeinsame Küstenwachpatrouille in der Beringstraße.
Ein durchgesickertes RUSI-Dokument enthüllt, dass Russland 2023 vereinbarte, der PLA komplette Ausrüstung für ein Luftlandebataillon zu liefern, einschließlich spezialisierter Fallschirmsysteme für Absprünge aus 8.000 Metern Höhe. Diese Technologie würde die geheime Infiltration taiwanesischen Territoriums aus dem internationalen Luftraum ermöglichen – eine potenzielle „Phase Null" einer Invasion.
US-Ressourcenverteilung zwischen Europa und Asien
Die Ukraine-Hilfe hat kritische Waffenbestände dezimiert. Die USA entsandten ein Drittel ihres Javelin-Bestands und ein Viertel ihrer Stinger-Raketen nach Kiew. Die Auffüllung würde bei normaler Produktionsrate 12,5 bis 18 Jahre dauern. Taiwans Bestellungen von 208 Javelins und 215 Stingern aus dem Jahr 2015 sind immer noch nicht vollständig ausgeliefert – während die Ukraine über 8.500 Javelin-Systeme erhielt.
CSIS-Kriegsspiele ergaben, dass die US-Streitkräfte in einem Taiwan-Konflikt binnen einer Woche ihre Lenkflugkörper erschöpfen würden. Taiwans Waffenrückstand beläuft sich auf 21,95 Milliarden USD.
Trumps strategische Ambiguität versus Bidens explizite Zusagen
Die Trump-Administration ist zur strategischen Ambiguität bezüglich Taiwans Verteidigung zurückgekehrt. Trump im Februar 2025: „Ich kommentiere das nie. Ich will mich nie in diese Position bringen." Dies kontrastiert mit Biden, der 2021 und 2022 explizit zusagte, Taiwan militärisch zu verteidigen.
Verteidigungsminister Hegseth erklärte die „Verhinderung einer chinesischen Fait-accompli-Eroberung Taiwans" zum einzigen Planungsszenario des Pentagon. Doch Trumps wiederholte Konditionierung von Artikel-5-Beistandsgarantien – „Wenn sie nicht zahlen, werde ich sie nicht verteidigen" – untergräbt die Glaubwürdigkeit von Sicherheitszusagen generell.
Konkrete Eskalationsszenarien und ihre Wahrscheinlichkeiten
Die Blockade: Kein risikoarmes Szenario
CSIS führte 2025 ein Blockade-Kriegsspiel mit 26 Iterationen durch. Zentrale Erkenntnisse: Blockaden verursachen fast immer Opfer, Taiwan kann ohne US-Hilfe nicht bestehen, und eine Blockade ist kein kostengünstiger Weg für China – sie kann zu einem größeren Krieg eskalieren.
Taiwans Reserven sind begrenzt: zwei Monate Kohle und Erdgas, sechs Monate Rohöl und Nahrungsmittel. Ab Woche 8-9 bei 20% Stromversorgung würde die gesamte Fertigung eingestellt. Kein Blockade in der Geschichte hat jemals allein zur Kapitulation des Ziels geführt – was China vor die Entscheidung stellt, entweder zu eskalieren oder einen Gesichtsverlust zu akzeptieren.
Amphibische Invasion: Enormes Risiko für alle Seiten
Das CSIS-Invasionskriegsspiel 2023 mit 24 Iterationen ergab, dass USA/Taiwan/Japan eine chinesische Invasion in den meisten Szenarien abwehren würden – zu gewaltigen Kosten:
- USA: Dutzende Schiffe, Hunderte Flugzeuge, Zehntausende Tote
- China: ~10.000 Soldaten gefallen, 155 Flugzeuge, 138 Großschiffe verloren, ~30.000 gefangen
- Taiwan: 3.500 Armee-Verluste, die meisten der 534 Flugzeuge verloren, Wirtschaft zerstört
Vier Bedingungen für alliierten Erfolg: Taiwan muss Widerstand leisten, die USA müssen sofort eingreifen, US-Streitkräfte müssen von japanischen Basen operieren, und die USA brauchen ausreichend Anti-Schiffs-Raketen. Entscheidend: „Kein Ukraine-Modell für Taiwan" – nach Kriegsbeginn ist eine Nachversorgung der Insel unmöglich.
Fait accompli: Kinmen und Pratas als Testballons
Die Kinmen-Inseln liegen nur 3 Kilometer vor der chinesischen Millionenstadt Xiamen. Das Pentagon bestätigt: „Die Einnahme von Kinmen und Matsu liegt in den Fähigkeiten der PLA." Die US-Sicherheitsgarantie deckt diese Inseln explizit nicht ab.
Die Pratas/Dongsha-Inseln – 310 km von Hongkong entfernt – werden von nur 200 Küstenwachbeamten und 500 Marinesoldaten verteidigt. Das Pentagon stuft sie als „leicht einnehmbar" ein. Ein SPF-Planspiel 2020 simulierte, dass die USA Taiwans Bitte um sofortige Militärintervention nach einer chinesischen Besetzung ablehnen würden.
Das nukleare Risiko ist real
CSIS führte 2024 ein Nuklear-Kriegsspiel mit 15 Iterationen durch. Die Ergebnisse sind alarmierend: In 7 von 15 Spielen empfahl das China-Team den Einsatz von Atomwaffen. Drei Spiele endeten in einem „nuklearen Holocaust".
Der größte Druck zum Nukleareinsatz entstand, wenn konventionelle Niederlagen die Herrschaft der KPCh bedrohten – ein Szenario des „Gambling for Resurrection", bei dem Atomwaffen einen scheiternden Feldzug retten sollen. Das Pentagon schätzt, dass China bei einer schweren konventionellen Niederlage „wahrscheinlich den Nukleareinsatz in Betracht ziehen würde, um die Abschreckung wiederherzustellen, wenn das Überleben des CCP-Regimes ernsthaft bedroht wäre."
Chinas Nukleararsenal wächst rapide: ~700 Sprengköpfe bis 2027, über 1.500 bis 2035. Die zentrale Empfehlung des CSIS-Spiels: Ein „totaler Sieg ist unerreichbar" – die USA müssen gesichtswahrende Auswege bieten oder eine nukleare Eskalation riskieren.
Zeitfaktoren: Schließt sich ein Fenster für China?
Demografie als strategischer Faktor
Chinas Kohorte wehrfähiger Männer (18-23) ist von 80 Millionen (1990) auf ~50 Millionen gefallen und wird bis 2050 auf 30 Millionen sinken. Die Bevölkerung schrumpft seit drei Jahren; bis 2035 werden über 400 Millionen Chinesen über 60 sein. Die Arbeitskräfte werden in den nächsten zehn Jahren um ~9% schrumpfen.
RAND bewertet dies als Problem, das die PLA kurzfristig nicht verkrüppeln wird – aber es macht Peking möglicherweise verlustsensibler, da überwiegend Einzelkinder in der Rekrutierungsbasis sind.
Taiwans Identitätswandel ist irreversibel
Die Daten des NCCU Election Study Center zeigen einen dramatischen Wandel: Der Anteil, der sich ausschließlich als Taiwaner identifiziert, stieg von 18% (1992) auf ~65% heute. Unter 29-Jährige identifizieren sich zu nahezu 100% als Taiwaner. Nur noch ~3% bezeichnen sich als Chinesen. Jedes Jahr der Verzögerung macht eine friedliche Wiedervereinigung unplausibler.
Xi Jinpings persönliche Zeitlinie
Xi ist 72 Jahre alt. Der 20. Parteitag 2027 markiert das Ende seiner dritten Amtszeit – und das 100-jährige Jubiläum der PLA. CIA-Direktor Burns bestätigte, dass Xi die PLA angewiesen hat, bis 2027 invasionsfähig zu sein. Dies ist ein Fähigkeitsmeilenstein, keine bestätigte Invasionsentscheidung – aber es erzeugt politischen Druck.
Technologisches Wettrennen
Chinas Hyperschallraketen – DF-21D, DF-26B, DF-27 – sind operational und schaffen geschichtete A2/AD-Zonen über 1.800 Meilen. US-Gegenmaßnahmen werden frühestens ~2029 eine grundlegende Einsatzfähigkeit erreichen. Dieses asymmetrische Fenster begünstigt kurzfristig China.
Experteneinschätzungen zu Wahrscheinlichkeit und Zeitrahmen
| Quelle | Szenario | Einschätzung |
|---|---|---|
| Polymarket (Jan. 2026) | Invasion bis Ende 2027 | 13% |
| Manifold Markets | Invasion bis 2030 | 37% |
| Metaculus | Vollständige Invasion bis 2030 | 33% |
| Defense Priorities | Invasion nächste 5 Jahre | 85% „unwahrscheinlich" |
| Mike Studeman (Ex-US Naval Intelligence) | Militärische Konfrontation 10 Jahre | Bis 90% für Todesopfer |
| Sentinel Team | Invasionsversuch bis 2030 | 43% (Spanne: 20-70%) |
Die Mehrheit der Experten hält eine kurzfristige Invasion für unwahrscheinlich, erwartet aber eine Intensivierung der Grauzonenoperationen. Der gefährlichste Trigger: Eine Unabhängigkeitserklärung Taiwans – 75% der Experten glauben, dass China dann sofort angreifen würde.
Schlussfolgerung: Zwischen Konfrontation und Abschreckung
Die Forschungsergebnisse zeichnen ein komplexes Bild. China führt bereits einen hybriden Krieg gegen Taiwan mit beeindruckender Intensität und Raffinesse. Die sino-russische Militärkoordination erreicht historische Höchststände. US-Waffenbestände sind durch die Ukraine-Hilfe erschöpft, und die Trump-Administration sendet widersprüchliche Signale zur Taiwan-Verteidigung.
Gleichzeitig wirken mehrere Faktoren gegen eine baldige chinesische Militäraktion: Die PLA-Modernisierung schreitet voran – mehr Zeit bedeutet höhere Erfolgswahrscheinlichkeit. Chinas wirtschaftliche Schwierigkeiten sprechen für Geduld. Das nukleare Eskalationsrisiko ist real und wurde in Kriegsspielen erschreckend deutlich. Und Xi Jinping gilt historisch als vorsichtiger Akteur.
Das Zeitfenster für China schließt sich politisch – Taiwans Identität entfernt sich irreversibel von China – während es sich militärisch erst ab ~2029 mit US-Gegenmaßnahmen zu schließen beginnt. Die Jahre 2027-2028 könnten einen kritischen Knotenpunkt darstellen, an dem Xi' persönliche Vermächtnisinteressen, das PLA-Jubiläum, und die Taiwaner Präsidentschaftswahl zusammenfallen.
Die wahrscheinlichste Entwicklung ist keine dramatische Invasion, sondern eine Intensivierung der Grauzonenoperationen – mehr ADIZ-Verletzungen, Untersee-Kabelkappungen, Cyberangriffe und Fait-accompli-Versuche gegen vorgelagerte Inseln. Die Gefahr liegt weniger im geplanten Angriff als in der unbeabsichtigten Eskalation aus der Grauzone heraus – ein Risiko, das ein ehemaliger US-Geheimdienstchef auf bis zu 90% für Todesopfer im nächsten Jahrzehnt schätzt.