Gutachten zur Taiwan-Frage und zu den Sicherheitspolitischen Implikationen eines möglichen chinesischen Angriffs

Gutachten zur Taiwan-Frage und zu den Sicherheitspolitischen Implikationen eines möglichen chinesischen Angriffs
Foto von Michael Afonso auf Unsplash

Einleitung

Die Taiwan-Frage ist eines der hartnäckigsten geopolitischen Streitpunkte im Asien-Pazifik-Raum und ein potenzieller Auslöser für einen militärischen Konflikt von globaler Bedeutung. Diese Analyse untersucht die Möglichkeit eines chinesischen Angriffs auf Taiwan, beschreibt detailliert mögliche Angriffsabläufe und beleuchtet die sicherheitspolitischen sowie wirtschaftlichen Implikationen unter Berücksichtigung der Positionen externer Akteure wie der USA, der EU und anderer beteiligten Staaten.

Historischer Hintergrund und Aktuelle Situation

Seit der Dritten Taiwanstraßenkrise 1995-96, als China Raketen ins Taiwan-Gewässer feuerte, um gegen den Besuch des taiwanesischen Präsidenten Lee Teng-hui in den USA zu protestieren, ist der Taiwan-Konflikt ein dauerhaftes geopolitisches Spannungsfeld. Trotz des von den USA seit 1979 anerkannten „Ein-China-Prinzips“, bei dem die USA die Existenz von nur einem China akzeptieren, wiewohl sie nicht Stellung zu Taiwans Souveränität beziehen, häufen sich Spannungen.

In jüngster Zeit hat China seine militärischen Aktivitäten rund um Taiwan verstärkt. Laut dem US-Verteidigungsministerium zielt China darauf ab, durch „intelligentisierte“ Kriegsführungstechnologien wie künstliche Intelligenz und quantenbasierte Rechentechnik dominierende Fähigkeiten zu erlangen.
(The Center for Preventive Action, 2024)

Prognose eines Möglichen Angriffs

Dass China versuchen wird, sein Ziel durchzusetzen, steht hier außer Frage. Dabei gibt es 2 entscheidende Fragen: Wann wird es passieren? Und wie wird es passieren? Wir werden uns im Folgenden nun auf Letzteres konzentrieren.

Potenzielle Szenarien des Angriffs

  1. Seeblockade und amphibische Landung: China könnte versuchen, eine Seeblockade gegen Taiwan zu erklären, um so wirtschaftlichen Druck auszuüben und Taiwan von internationalen Versorgungslinien abzuschneiden. Danach könnte eine amphibische Invasion folgen, bei der strategisch wichtige Küstengebiete besetzt werden.
    (Metis Studie, 2024)
  2. Luft- und Raketenangriffe: Eine andere Strategie könnte den Einsatz von weitreichenden Raketen und Luftangriffen umfassen, um wichtige militärische und infrastrukturelle Ziele zu zerstören. Dadurch könnte China Taiwans Verteidigung erheblich schwächen und die moralische und operative Bereitschaft der Verteidigung zermürben.
  3. Cyberangriffe und hybride Kriegsführung: Cyberangriffe auf taiwanesische Regierungs- und Militäreinrichtungen könnten die Vorbereitungen für einen physischen Angriff unterstützen, begleitet von hybrider Kriegsführung und psychologischer Kriegsführung zur Destabilisierung Taiwans.
    (Taiwan’s defense & national security, 2024)

Das wahrscheinlichste Szenario kombiniert Elemente aller oben genannten Strategien:

  • China könnte zunächst durch Cyberangriffe Chaos und Unsicherheit stiften
  • Es folgt eine umfassende See- und Luftblockade, um die strategische Isolierung Taiwans sicherzustellen
  • Schließlich erfolgt eine koordinierte Landungsoperation, unterstützt von intensiven Luft- und Raketenangriffen, um Schlüsselregionen zu sichern und Widerstand zu brechen

Möglicher Zeitraum einer Offensive

Widmen wir uns nun der Frage nach dem Zeitpunkt. Diese bleibt unter Experten auf dem Thema weiterhin umstritten. ​Einigesten, darunter General Mike Minihan, prognostizierten einen möglichen Konflikt bereits im Jahr 2025, insbesondere aufgrund der innenpolitischen Dynamiken in China, den USA und Taiwan, die durch Wahlen beeinflusst werden könnten. Diese Annahme stützt sich auf die Möglichkeit, dass China eine Schwächephase der US-Regierung nutzen könnte. Gleichzeitig bleibt laut Janes (2024) eine größere militärische Eskalation in naher Zukunft unwahrscheinlich, da keine entscheidenden Truppenverlagerungen oder Aufrüstungsschritte im Taiwan-Konflikt registriert wurden. Experten wie Melnychuk (2025) weisen darauf hin, dass China kurzfristig verstärkt auf wirtschaftlichen und politischen Druck setzt, um Taiwan zu isolieren, anstatt eine direkte Invasion zu riskieren. Langfristige Prognosen, wie sie von der Air University (2023) angestellt wurden, sehen eher einen Zeitraum um das Jahr 2027 als realistisch, wenn China seine militärische Modernisierung weiter vorangetrieben hat. Eine vollständige Invasion würde hohe wirtschaftliche, diplomatische und militärische Kosten verursachen, die gegenwärtig ein erhebliches Risiko für China darstellen.

Geopolitische Lage und Externe Akteure

Die USA

Die USA bleiben ein zentraler Akteur im Taiwan-Konflikt. Trotz der Beendigung des Beistandsvertrages 1979 hat sich die USA mehrfach verpflichtet, Taiwan zu verteidigen, was durch wiederholte Waffenverkäufe und militärische Unterstützung verdeutlicht wird (The Center for Preventive Action, 2024).

Die Europäischen Union und Andere

Laut einer aktuellen Analyse (Melnychuk, 2025) verfolgt die EU eine ambivalente Strategie: Einerseits lehnt sie eine Eskalation im Asien-Pazifik-Raum ab und hat kein direktes Verteidigungsbündnis mit Taiwan, andererseits haben einige Mitgliedsstaaten ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Taiwan intensiviert.

Wirtschaftliche, Militärische und Strategische Faktoren

Wirtschaftliche Faktoren

Taiwan ist ein global bedeutender Produzent von Halbleitern und technologischen Gütern. Eine bewaffnete Auseinandersetzung hätte verheerende wirtschaftliche Auswirkungen weltweit und insbesondere auf global verzweigte Lieferketten, die auf taiwanesische Hightech-Produkten angewiesen sind (Asia-Pacific Research Journal, 2024).

Militärische Faktoren

Die militärischen Kapazitäten der Volksrepublik China sind kontinuierlich ausgebaut worden, darunter lange Reichweiten, Präzisionsschläge, sowie Raketen- und Cyberkapazitäten, die alle einen Angriff unterstützen könnten (CFR Backgrounder, 2024). Taiwanische Streitkräfte, die sich hauptsächlich auf Verteidigung konzentrieren, wurden durch modernere Waffensysteme der USA verstärkt. Trotzdem bleibt das Kräfteverhältnis stark asymmetrisch zu Chinas Gunsten.

Strategische Faktoren

Ein direkter militärischer Konflikt führt zu erheblichen strategischen Verschiebungen, insbesondere unter Berücksichtigung von Allianzen im Asien-Pazifik. Die USA und ihre Verbündeten wie Japan, Südkorea und Australien könnten daraufhin ihre militärische Präsenz und Kooperation in der Region ausweiten, um Chinas Expansion zu limitieren (Patel, 2023).

Schlussfolgerung

Die Wahrscheinlichkeit eines chinesischen Angriffs auf Taiwan bleibt eine bedeutende sicherheitspolitische Herausforderung mit umfassenden wirtschaftlichen, militärischen und geopolitischen Implikationen. Die attraktivste Strategie für China scheinen hybride Ansätze zu sein, die Cyberangriffe, Blockaden und gezielte militärische Operationen kombinieren. Die USA und ihre asiatischen Verbündeten sind die Hauptakteure, deren Handlungen erhebliche Auswirkungen auf den Verlauf und die Konsequenzen eines solchen Konflikts haben könnten.

Quellen:

  • Global Conflict Tracker - The Center for Preventive Action (2024). Confrontation Over Taiwan
  • Metis (Universität der Bundeswehr) - Metis Studie (2024). Worst Case Scenarios
  • Melnychuk, V. (2025). Actual Problems of China – EU Relations in the Context of International Conflicts of the Second Decade of the 21st Century. Acta de Historia & Politica: Saeculum XXI.
  • Patel, R. (2023). Bipartisan Dynamics in U.S.-Taiwan Policy
  • Taiwan’s defense & national security (2024)
  • Asia-Pacific Research Journal (2024)