Lohnquote auf Rekordtief: Wer profitiert, wenn KI Arbeit verdrängt?
Worum es geht
Die Beschäftigten in den USA erhalten einen so kleinen Teil der Wirtschaftsleistung wie seit Beginn der Aufzeichnungen nicht. Das Bureau of Labor Statistics (BLS) misst den Anteil der Arbeitnehmerentgelte am nominalen Output. Diese Quote fiel im zweiten Quartal 2026 auf 52,9 Prozent, nach 53,7 Prozent im ersten Quartal [3]. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Reihe im Jahr 1947 [3]. Laut Fortune lag der Anteil im nichtlandwirtschaftlichen Unternehmenssektor im zweiten Quartal 2026 bei 52,8 bis 52,9 Prozent und damit auf dem tiefsten Stand seit fast 80 Jahren [6].
Eine zweite, engere Kennzahl zeigt dasselbe Bild. Löhne und Gehälter allein machten im ersten Quartal 2026 rund 43 Prozent des US-Bruttoinlandseinkommens aus [1]. Diese Reihe reicht bis 1929 zurück, und der Wert liegt nahe am tiefsten Stand seit Beginn der Großen Depression [1]. In dieser Zahl fehlen die Leistungen der Arbeitgeber, etwa Krankenversicherung und Altersvorsorge [1]. Sie bedeutet also nicht, dass die Beschäftigten 57 Prozent ihres Lohns verloren hätten [1].
Die Überschrift spricht von einem „75-Jahres-Tief“. Keine der Quellen nennt genau diese Zahl. Belegt sind ein Rekordtief seit 1947 [3][6], „fast 80 Jahre“ [6] und „nahe dem Tiefstand seit der Großen Depression“ für die enge Lohnquote [1].
Gleichzeitig steigen die Unternehmensgewinne stark [4][7]. Der S&P 500 hat seit 2000 rund 600 Prozent an Wert gewonnen [7]. Die inflationsbereinigten Verdienste der Beschäftigten stiegen im selben Zeitraum nur um 12,5 Prozent [7].
Hintergrund und Ursachen
Langer Abwärtstrend. Laut einer Auswertung von FRED- und BEA-Daten lagen Löhne und Gehälter von 1950 bis 1970 bei 49 bis 51,5 Prozent des Bruttoinlandseinkommens [5]. Der Höchststand wurde um 1970 erreicht [5]. In den 1980er-Jahren sank der Anteil auf 46 bis 47 Prozent, in den 1990er-Jahren auf 45 bis 46 Prozent [5]. Um 2014 erreichte er dort mit 41,8 Prozent einen Tiefstwert [5]. Für 2024 nennt dieselbe Quelle 42,8 Prozent für Löhne und Gehälter [5]. Mit den Leistungen der Arbeitgeber kommt das gesamte Arbeitnehmerentgelt auf 51,9 Prozent [5]. Der Nettobetriebsüberschuss, also die Erträge von Kapital und Unternehmen, liegt bei 25,2 Prozent [5]. Die Gewinne inländischer Unternehmen machen 11,5 Prozent aus [5].
Die Quelle ist in sich widersprüchlich. An einer Stelle nennt sie Lohn und Gehalt mit über 51 Prozent für 1970 [5], an anderer Stelle stellt sie diesen Wert als gesamtes Arbeitnehmerentgelt dar [5]. Nach eigener Angabe wurde sie zudem mithilfe generativer KI (Google Gemini) erstellt [5]. Ihre Einzelwerte sind deshalb nur unter Vorbehalt zu verwenden.
Produktivität und Bezahlung laufen auseinander. Von 1947 bis 1973 wuchs die Produktivität laut BLS um durchschnittlich 2,8 Prozent pro Jahr [1]. Die realen Stundenvergütungen stiegen fast im gleichen Tempo, um 2,6 Prozent pro Jahr [1]. Ab Ende der 1970er-Jahre gingen die beiden Größen auseinander [1]. Das Economic Policy Institute misst seit Ende 1979 bis zum ersten Quartal 2026 ein Produktivitätsplus von 93,2 Prozent [1]. Die Stundenvergütung stieg im selben Zeitraum nur um 33,7 Prozent [1].
Ursachen, die in den Quellen genannt werden:
- Schwächere Gewerkschaften und Globalisierung. Die Gewerkschaften haben an Breite und Macht verloren [3]. Gut bezahlte Industriearbeitsplätze wanderten in Länder mit niedrigeren Kosten ab [3].
- Automatisierung und KI. Technik wie Automatisierung und möglicherweise künstliche Intelligenz erlaubt es Unternehmen, mehr zu produzieren, ohne nennenswert mehr Personal einzustellen [3].
- Marktmacht. Goldman Sachs nennt steigende Preisaufschläge von „Superstar“-Unternehmen, Automatisierung und eine schwächere Verhandlungsmacht der Beschäftigten [6]. Letztere führt die Bank auf weniger Gewerkschaftsmitglieder und konzentrierte Arbeitgebermärkte zurück [6].
- Geldsystem. Eine verbreitete These verweist auf den 15. August 1971. An diesem Tag beendete Präsident Nixon die Umtauschbarkeit des Dollars in Gold [1]. Der Ex-Abgeordnete Ron Paul nennt dieses Datum den „Wendepunkt“ für die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung [1]. Die Quelle betont jedoch: Der zeitliche Zusammenfall beweist keinen Zusammenhang [1]. Ökonomen nennen andere Faktoren wie Globalisierung, Technologie, Automatisierung und schwächere Gewerkschaften [1]. Eine Studie der Federal Reserve von 2025 sieht außerdem eine mögliche Rolle der steigenden Verschuldung der Haushalte [1].
- Fehlende Macht der Arbeitnehmerseite. Das Jacobin-Magazin (via theinteldrop.org) erklärt den Trend mit jahrzehntelang geschwächter Macht der Beschäftigten [4]. Eine Umkehr erfordere nach seiner Darstellung eine wiederbelebte Arbeiterbewegung [4]. Diese Quelle ist erkennbar meinungsgetrieben.
Zusammenhänge
Ein Teil des Rückgangs ist ein Messeffekt. Goldman-Ökonom Abhay Duggirala hat den Rückgang der Lohnquote im nichtlandwirtschaftlichen Unternehmenssektor untersucht [6]. Seit den 1990er-Jahren beträgt er etwa 7,5 Prozentpunkte [6]. Rund 40 Prozent davon führt Duggirala auf Besonderheiten der Statistik zurück, nicht auf echte Umverteilung [6]. Er nennt drei Effekte:
- Steuerbedingte Umbuchung. Nach der Steuerreform von 1986 wechselten viele Unternehmer in Rechtsformen, deren Gewinne direkt beim Eigentümer versteuert werden, sogenannte Pass-through-Strukturen [6]. Einkommen, das früher als Lohn erfasst wurde, erscheint seitdem als Gewinn [6].
- Höhere Abschreibungen. Die BLS-Quote teilt die Entgelte durch die Bruttowertschöpfung, in der Abschreibungen enthalten sind [6]. Kurzlebige Güter wie Computer und Software machen einen wachsenden Teil des Kapitalstocks aus [6]. Dadurch steigen die Abschreibungen und drücken die Quote rein rechnerisch [6].
- Aktienvergütung. Vergütung in Aktien wird erst erfasst, wenn sie unverfallbar wird oder ausgeübt wird [6]. Bezahlung von Spitzenverdienern in Aktien wird deshalb zu niedrig ausgewiesen [6].
Die übrigen 60 Prozent, also etwa 4,5 Prozentpunkte, hält Goldman für eine echte strukturelle Verschiebung von Arbeit zu Kapital [6].
Wer profitiert. Laut Reuters fließen die Gewinne aus höherer Produktivität eher an Eigentümer und Aktionäre als über Lohnerhöhungen an die Beschäftigten [3]. Nach Daten der Federal Reserve halten die reichsten 10 Prozent der US-Haushalte den Großteil der Unternehmensaktien und Investmentfondsanteile [6]. Die Gewinne der „Superstar“-Firmen landen damit überwiegend bei einer kleinen, bereits vermögenden Gruppe [6].
Das Congressional Budget Office (CBO) stellte im Januar 2026 fest: Der Anteil des obersten 1 Prozent am Einkommen vor Steuern und Transfers hat sich von 1979 bis 2022 verdoppelt [6]. Der Anteil der drei mittleren Einkommensfünftel nach Steuern sank im selben Zeitraum um 6 Prozentpunkte [6].
Eine Studie des American Enterprise Institute (AEI) kommt zu einem anderen Ergebnis [6]:
- Der Anteil der Familien in der oberen Mittelschicht hat sich von 1979 bis 2024 von 10 auf 31 Prozent verdreifacht [6].
- Das mittlere Familieneinkommen (Median) stieg um 52 Prozent [6].
- Obere Mittelschicht und Wohlhabende zusammen kamen 1979 auf 28 Prozent aller Familieneinkommen, 2024 auf 68 Prozent [6].
KI verstärkt den Trend. KI wird bei höheren Einkommen deutlich häufiger genutzt: von 9 Prozent bei unter 30.000 Dollar Jahreseinkommen bis 34 Prozent bei über 100.000 Dollar [6]. Goldman schreibt, die Lohnquote werde „wahrscheinlich weiter sinken“, wenn KI weitere Aufgaben automatisiert [6]. Die Produktivitätsgewinne gehen dabei an die Eigentümer der Unternehmen, die die Automatisierung einsetzen [6]. Die verdrängten Beschäftigten haben in der Regel keinen Anteil an diesen Firmen und profitieren daher nicht im gleichen Maß [6].
Einordnung
Die Löhne steigen weiter, nur langsamer als die Wirtschaft. Laut Employment Cost Index stiegen Löhne und Gehälter in den zwölf Monaten bis Juni 2026 um 3,2 Prozent [1]. Die realen Wochenverdienste blieben im ersten Halbjahr 2026 praktisch unverändert [3]. Der Juni-Wert beendete allerdings drei Monate mit Rückgängen in Folge und war der stärkste seit sechs Jahren [3]. Das Rekordtief bedeutet also keine sinkenden Löhne, sondern einen sinkenden Anteil der Löhne an einer wachsenden Wirtschaftsleistung [1][3].
Der Begriff „Rekord“ hängt von der Kennzahl ab.
- Die BLS-Quote für den Unternehmenssektor steht 2026 auf einem Rekordtief [3][6].
- Für die enge Quote aus Löhnen und Gehältern am Bruttoinlandseinkommen nennt eine Quelle einen noch tieferen Wert von 41,8 Prozent um 2014 [5].
- Eine andere Quelle beschreibt 43 Prozent im Jahr 2026 als „nahe“ am Tiefststand seit der Großen Depression [1].
Wer von einem historischen Tief spricht, muss also die Kennzahl nennen.
Wie viel davon ist echte Umverteilung? Selbst nach Goldmans vorsichtiger Rechnung bleiben 4,5 Prozentpunkte echte Verschiebung zu Kapitaleinkommen [6]. Wie viel davon schon auf KI entfällt, beziffert keine der Quellen.
Politische Antworten. Ein Gesetzentwurf will den bundesweiten Mindestlohn in den USA an die Inflation koppeln; in der Überschrift ist von 25 Dollar pro Stunde die Rede [2]. Details zu Inhalt, Zeitplan und Erfolgsaussichten sind aus dem verfügbaren Auszug nicht zu entnehmen [2]. Sie bleiben offen.
Ausblick
Goldman erwartet, dass die Lohnquote weiter sinkt, wenn sich KI-Automatisierung ausbreitet [6]. Reuters beschreibt ein anhaltendes Produktivitätshoch, bei dem der Output schneller wächst als die Löhne [3]. Beides spricht dafür, dass sich der Trend vorerst fortsetzt.
Am meisten profitieren nach den vorliegenden Quellen Kapitaleigentümer und Aktionäre [3][6]. Hinzu kommen Gutverdiener, die neben ihrem Gehalt nennenswerte Aktienvermögen besitzen [6]. Haushalte, die nur von ihrem Lohn leben, tragen die Differenz [6].
Offen bleibt:
- Anteil der KI. Wie groß der Beitrag v
KI-recherchiert mit Claude (opus) über UltraNOS am 26.10.2026, 06:01 Uhr; Belege [n] beziehen sich auf die Quellenliste.
Quellen: - US wages plummet to 43% of national income — lowest since the Great Depression. Did Nixon’s gold breakup kill paychecks?: https://finance.yahoo.com/economy/articles/us-wages-plummet-43-national-104500200.html - $25 An Hour? A New Bill Seeks To Keep Federal Minimum Wage In Line With Inflation.: https://www.forbes.com/sites/dougmelville/2026/07/24/25-an-hour-a-new-bill-seeks-to-keep-federal-minimum-wage-in-line-with-inflation/ - US workers' share of GDP skids to fresh record low: https://finance.yahoo.com/economy/articles/us-workers-share-gdp-skids-144423767.html - US: Profits Are Soaring. Workers’ Share of Income Is Sinking.: https://theinteldrop.org/2026/10/25/us-profits-are-soaring-workers-share-of-income-is-sinking - US National Accounts, Gross Domestic Income Components, Fiscal Deficits, and Housing: Insights from Bloomberg Terminal Research: https://financialgurkha.substack.com/p/us-national-accounts-housing-deficit-macro-primer - Goldman says the economy is rewarding capital ownership over labor — and most Americans don't own enough of it to benefit | Fortune: https://fortune.com/2026/09/16/goldman-middle-class-labor-share-income-record-low - Labor share falls to historic lows as corporate profits explode: https://nbcnews.com/business/economy/labor-share-historic-lows-worker-pay-rcna596004 - Bruttoinlandseinkommen q/q 2018 - wirtschaftsindex der Vereinigten...: https://www.mql5.com/de/economic-calendar/united-states/gross-domestic-income-qq